Michael

 

 24.04.2008        Unser letzter gemeinsamer Tag

Ich hatte an diesem Tag frei. Wir haben uns für 08:00 Uhr verabredet um alle Materialien zu holen, die du für die Fertigstellung der Einfahrt an unserem Haus brauchtest.

Wir sind mit dem Anhänger meines Schwiegervaters losgefahren, da dieser sehr klein war, war es uns leider nicht möglich, mit dem Anhänger viel zu transportieren.

Du hast kurz überlegt, wer uns vielleicht weiterhelfen könnte und hat bei Booster angerufen, der einen viel größeren Anhänger besitzt. Leider hat er diesen gerade selbst im Einsatz. Du fragtest Booster, ob Jasch vielleicht bei ihm ist. Da Jasch tatsächlich bei ihm war, sind wir direkt los um nach Merzenhausen zu fahren. Dort angekommen sind wir zum Feld um Jasch zu fragen, ob wir seinen großen Anhänger ausleihen können. Jasch stimmte sofort zu und er fragte im gleichen Atemzug ob wir nicht besser sein Auto nehmen wollen, da dieser eine bessere Zugkraft habe als meiner. Dass fand ich wirklich super! Jasch`s einziger Einwand war, dass Ecki dran denken sollte, dass es ein Fohlenauto (Borussia Mönchengladbach) wäre und Ecki aufpassen solle, da nun ein Böckchen (1. FC Köln) am Steuer säße. Mit dem „Böckchen“ war natürlich ich gemeint.

Wir sind also los und haben Sand, Split, Randsteine und eine Rüttelplatte geholt. Wir haben während der Fahrt viel über die unbefriedigende Situation mit den Vermietern gesprochen.

Wie sagtest du mir noch: „Gott sei dank bin ich da bald raus!“

Da ich ja selber erfahren durfte, wie die Vermieter vom Germaniaplatz 18 drauf sind, konnte ich es sehr gut verstehen, dass du froh warst, endliche in deine neue Wohnung zu ziehen.

Es war ja zum Glück nicht mehr lange bis zu deinem geplanten Wohnungswechsel!

Am späten Nachmittag stand noch ein Termin bei deinem Rechtsanwalt auf dem Programm und ich habe dich dorthin begleitet. Es ging sich um genau die Vermieter, die „kein Geld für Heizöl“ hatten und dich bei frostigen Temperaturen ohne eine Heizung ausharren ließen.

Aufgrund der ausgefallen Heizung in der gesamten Wohnung hat dir dein Rechtsanwalt empfohlen nur die Hälfte der Miete zu zahlen.

Kein Geld für Heizöl und jetzt nur die Hälfte der Miete. Dies bedeutet ja weniger Geld für die Vermieter und wie die Vermieter auf Geld reagieren haben wir ja bereits erfahren!

 

Wochenende 26.04.2008 - 27.04.2008

An diesem Wochenende war in Minden ein Stadtfest. Da auch gleichzeitig alle Geschäfte geöffnet haben, bin ich an diesem Wochenende in Minden geblieben und habe in meiner Zweitwohnung übernachtet. Aufgrund meiner Funktion in der Firma war es mir nicht möglich an diesem Wochenende bei meiner Familie zu sein und somit leider auch nicht beim Maibaumaufstellen. Wir haben am Samstag, 26.04.2008 am späten Nachmittag noch einmal telefoniert.

Ein letztes mal deine Stimme!

Deine Stimme fehlt mir unendlich. Deine Stimme war mir immer sehr wichtig. Ich hoffe, dass ich deine Stimme eines Tages wieder hören werde. 

           
             

           
            

           
             

Wir wussten ja alle noch nicht, was in der nächsten Nacht grausames auf uns zu kam.

Wir haben am Telefon über den Tag gesprochen, wie es beim Maibaumaufstellen läuft und auch noch über die schwachsinnige Forderung der Vermieter, dass du deine Waschmaschine aus dem von dir angemieteten Raum entfernen solltest.

Es war schon eine lächerliche Farce.

Die Vermieter wussten doch bereits, dass du wenige Tage später ausziehst. Was wollten die Vermieter mit dieser weiteren Provokation? Was haben sie für ein Ziel verfolgt? Es war dir egal, was „sie“ versuchten. Dir war nur wichtig, dass du nur noch wenige Tage in diesem Umfeld (und hier könnte man sicherlich auch noch viele andere Wörter nutzen) ausharren musstest und dann endlich dort raus bist.

Wir haben das Gespräch beendet mit den Worten „bis Sonntag Abend, dann sehen wir uns!“

Wir sollten uns erst am Dienstag wieder sehen!!!!!! Nicht am Sonntag mit einer herzlichen Begrüßung, nein am Dienstag in einer kalten Leichenhalle!!!! In einer Leichenhalle die so überhaupt nicht zu uns passt. Du warst bereits seit Sonntag morgen auf einer Reise …… auf einer Reise ohne uns und ganz alleine. Würde alles dafür geben, dass es wieder anders ist!!!

 

27.04.2008   Die Tatnacht

In dieser Nacht wurde dir auf grausamer Weise das Leben genommen.

Du wurdest uns in dieser Nacht auf grausamer Weise genommen.

Es hat sich seit diesem Zeitpunkt alles für uns geändert. Es fällt mir jetzt immer noch sehr schwer darüber zu schreiben. Es fängt mal wieder wie so oft, dass ich das Gefühl habe, dass meine Halsschlagader kräftig pocht. Das Gefühl, dass mein Herz schneller schlägt und oft im Rhythmus stolpert. Es fühlt sich an, als würde ich jeden Moment ohnmächtig. Ein schlechter (Alb-) Traum...

Gemeinsam sind wir groß geworden, haben viel (gemeinsam) erlebt und jetzt???

Wenn ich noch daran denke, wie wir auf verschiedenen Kegeltouren mit allen Freunden vor dem Fernseher gesessen haben und einen Bericht auf RTL, Sat 1 oder wo auch immer von einem Verbrechen berichtet wurde, warst du der Erste der gesagt hat: "Mein Gott, wie krank ist dass eigentlich?"

Das war doch immer wieder im Fernseher aber für uns so weit weg!!!

 

Und Plötzlich....

..................... ist alles so unrealistisch nah!!!

 

01:50 Uhr fallen die Schüsse!

Dies wurde auch von Zeugen bestätigt, die die Polizei alamierten. Die Vermieter haben übrigens nicht die Polizei angerufen, bitte erlauben Sie mir eine kurze Information aus der Hauptverhandlung. Sie haben sonst immer alles hören (wollen) können, wie z. B. das Verschieben der Mülltonne, konnten die Geräusche der Schüsse aber nicht zuordnen. Ja, Sie lesen richtig! Ja, ja die Vermieter - sind mir doch direkt eine ganze Seite wert.

Der Mörder, also der andere Untermieter hat kurz nach der Tat die Vermieterin angerufen und mitgeteilt, dass er auf "dem" geschossen hat. Der liegt auf dem Hof. Die Vermieterin muss sich schon sicher gewesen, wer "dem" gewesen sein muss, da sie nicht nachfragt, wen er überhaupt mit "dem" meint. Alle Achtung Frau Juliane P. (Vermieterin). Wie sagte man zu mir mal: RESPEKT!!!!!!!!!!!!

 

Aus der Akte haben wir erfahren, dass dich alle neun Schüsse getroffen haben. Aufgrund der Obduktion musst du berits nach den Schüssen zu Boden gegangen sein, als der Mörder Ewald L. (Untermieter am Germaniaplatz 18 von den Vermietern Juliane P. und Werner P.) noch weitere Schüsse auf dich abgegeben hat. Du hast zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Boden gelegen. Die Schüsse sind innerhalb weniger Sekunden gefallen, daher musst du sehr schnell zu Boden gegangen sein. Mindestens zwei Schüsse waren aufgrund der Verletzungen und des Schusskanals tödlich.

Günter: Mama hat immer wieder unter Tränen gefragt, ob du direkt tot warst oder noch sehr gelitten hast. Wir haben viele Ärtze gefragt, ihnen die Verletzungen mitgeteilt, sie sagten dass du innerhal kürzester Zeit den Todeskamp verloren hast. Ist dass auch wirklich so???? Diese Frage stelle ich mir auch immer wieder.

Uns, aber besonders Mama beschätigt diese Frage immer noch. Wir wissen es ja auch nicht. Auf der einen Seite reden wir es uns immer wieder ein, aber ist es auch wirklich so?

01:50 Uhr  Alle Schüsse wurden von hinten abgegeben

Du hast noch nicht einmal bemerkt, was hinter dir passiert. Plötzlich die Schüsse und die Schmerzen überall. Alle Schüsse haben dich getroffen. Du hattest noch nicht einmal die Chance zum Weglaufen.

Hattest du überhaupt eine Chance in diesem Umfeld am Germaniaplatz?

Nein, nicht wirklich, was hättest du gegen eine Waffe machen können???

01:50 Uhr   Dein Todeskampf

Und plötzlich war der Moment ganz anders! Es war keine Zeit mehr für Abschied. Dein Kampf gegen Tod ganz alleine. Wir waren nicht da um dir zu helfen. Du warst ganz alleine! Plötzlich in jenem Moment gingst du auf eine Reise....

.... Noch heute warten wir auf dein Wiederkommen!

Es gibt oft Situation da warten wir auf dich! Beim Feiern deiner Freunde sind wir schon da und warten auf dich! Beim Spielbeginn deiner Borussia sind wir schon da und warten auf dich! Beim Kegeln sind wir schon alle da und warten auf dich! Bei der Feuerwehr sind wir schon da und warten auf dich! Bei deinem Geburtstag sind wir schon da und warten auf dich! Bei den Geburtstagen deiner Neffen sind wir schon da und warten auf dich. Bei allen anderen Familienfeiern sind wir schon da und warten auf dich! Weihnachten sind wir schon alle da und warten auf dich! Neujahr rufen wir uns alle an und wünschen uns fürs neue Jahr alles Gute und warten auf deinen Anruf!

Du kommst nicht und dennoch bist du bei uns!!!

Oft sitze ich bei uns auf der Terasse und habe das Gefühl, dass du jeden Moment um die Ecke kommst und sagst "Hallo - ich bin wieder zurück!" Du sagst zu mir: "Der Noah ist aber schon gross geworden und den Simon lerne ich jetzt auch endlich mal kennen, dass ist aber ein Süßer! Jetzt müssen wir nur noch gucken, dass das schnell ein Borusse wird!"

Mein Gefühl sagt mir, dass nur kurz in Urlaub bist und wieder kommst - anders gehts auch nicht!!!!

01:50 Uhr eine Uhrzeit die alles für immer verändert

Plötzlich: Krankewnagen, Notarzt und mehrere Polizeifahrzeuge in Dürboslar. Alle Fahrzeuge nur mit einem Ziel, Germaniaplatz 18 in Dürboslar. Durch die Schüsse sind viele Anwohner wach geworden. Das Anrücken der Einsatzkräfte war nicht zu überhören. Urban war unter anderem auch wach geworden. Urban wohnt (zwei Häuser weiter) in unmittelbarer Nähe und ist raus auf die Straße. Die Fahrzeug standen alle am Germaniaplatz 18. Es war aus seiner Sicht noch nicht klar zu erkennen, was passiert ist. Er hat gesehen, wie die Polizei Ewald L. (Mörder) abführte und ins Polizeifahrzeug beförderte. Da der Notarzt und Krankenwagen vor Ort waren, hat er sich noch nichts gedacht. Wenige Augeblicke später fuhr der Notarzt und der Krankenwagen ohne einen Patient fort. Urban wusste mit diesem Moment, dass etwas ganz Schlimmes passiert sein muss.

Als die Polizei unmittelbar danach anfing, die Einsatzstelle mit einem Flatterband (die Einsatzstelle wurde somit zum Tatort) abzusperren, war für ihn klar, das etwas fürchterliches passiert ist.

Urban arbeitet auf der Autobahnmeisterei. Er erzählte mir später, dass wenn ein Krankenwagen ohne Patient weg fährt und die Polizei mit Flatterband  die Einsatzstelle absperrt, dann ist immer einer tot!

Als für Urban klar war, was los ist, hat er sofort versucht, Frank und Tina zu erreichen.

Frank und Tina haben das Telefon nicht gehört.

Urban ist dann mit Sebastians Freundin Christina nach Aldenhoven gefahren.

Bei Frank angekommen, habe sie beide aus dem Bett geklinget. Urban hat zur gleichen Zeit Wilfried (Ordnungsamt) angerufen, dass er bitte kommen möchte. Urban hat zu Frank gesagt, er möchte bitte dringend mit nach Dürboslar fahren. Der Krankenwagen und die Polizei steht am Germaniaplatz 18.

Urban hat extra nicht geasgt, was er glaubt, was passiert ist. Frank hat sich direkt angezogen und ist in Dürboslar um  ca. 02:40 Uhr eingetroffe. Tina ist kurze Zeit später in Dürboslar angekommen. Auf dem Schulplatz (Germaniaplatz) standen schon mehrere Bekannte.

Frank ist zur Polizei und hat nachgefragt, was passiert sei. Die Polizei hat ihm keine Auskunft gegeben. Tina und Christina sind dann nach Welz zu meiner Frau gefahren.

Tina hat erst gar nicht bei meiner Frau angerufen. Dass war auch gut so, da sie zu diesem Zeitpunkt bereits im 7. Monat schwanger war. Tina hat geklingelt und Sabine hat kurz darauf die Türe geöffnet. Sie haben Sabine nur gesagt, dass etwas mit Günter passiert ist, was genau haben sie nicht gesagt.

Sabine hat sofort versucht, mich zu erreichen. Hier später mehr.

Im Anschluss hat sie in der Nacht noch bei ihrer Schwester Kerstin angerufen. Sie ist direkt zu ihr gekommen um auf Noah aufzupassen. Sabine ist dann auch direkt nach Dürboslar gefahren. Sie wollte noch zum Germaniaplatz fahren. Die Polizei hatte aber immer noch alles abgesperrt.

Frank musste seine Personalien angeben und seinen Personalausweis vorzeigen. Eine Antwort hat er immer noch nicht erhalten. Die Polizei hat Frank in der Zwischenzeit gefragt, ob er Michael sei. Frank verneinte dies und sagte, Michael arbeitet an diesem Wochenende in Menden.

Die Polizisten waren mit der Situation total überfordert.

Frank konnte sehen, dass bei dir in der Wohnung Licht brannte. Frank hat immer wieder versucht, einen Blick in den Innenhof zu werfen. Dies war nur möglich wenn die Tür geöffnet wurde. Es dauerte und dauerte...

Frank hat in der Zwischenzeit die Vermieterin Juliane P. am Fenster gesehen. Er konnte ihr direkt in die Augen schauen.

Und was macht Juliane P.? Sie lächelte ihn an!

Es ist schon sensationell, das Juliane P. Frank anlächelt! In einer solchen Situation lächeln? Juliane P. kanns. Den Charakter der Vermieter haben sie ja schon kennenlernen dürfen. 

Es hat lange 2 Stunden gedauert, bevor Frank von einem Polizisten erfahren hat, das du tot bist. Sie sagten zu Frank: „Ihr Bruder ist bei einem Schusswechsel verletzt worden und  den schweren Verletzungen erlegen.

Wie war deine Reaktion: "Ja ist o.k. In welches Krankenhaus haben sie ihn denn gebracht?

Wie Frank mir später erzählte, hatte er zu diesem Zeitpunkt weder begriffen noch verstanden was der Polizist ihm mitteilte.

Franks Gefühlswelt war völlig durcheinander.

Wie sagte mir Frank: Irgendwie funktionierts du nur noch.

Es war sehr gut, dass Frank einen Notfallseelsorger angefordert hat. Dieser wurde für die nächsten Tage unsere ständiger Begleiter. Es war gut, dass wir eine professionelle Hilfe bei uns hatten.

Als der Notfallseelsorger eintroffen ist, habt ihr  euch mit diesem auf den Weg  nach Mama gemacht. Es waren ja nur wenige Meter.

Mama hätte es ja von ihrem Fenster aus sehen können. Es war wichtig, dass wir es Mama sagen und kein Fremder!!!! Ihr habt mehrmals geklingelt, aber Mama hat es nicht gehört.

Ihr seid dann zur Wohnung nach Basti.  

Der Anruf beim Seelsorger  

Das Handy vom Notfallseelsorger klingelte plötzlich. Die Polizei war dran.

Was war passiert? Mama ist wach geworden und hat die Rolladen hoch gemacht. Sie hat die Polizei am Germaniaplatz 18 gesehen. Mama ist sofort die Absperrung aufgefallen. Sie hat sich direkt angezogen und ist los zu dir.

Man muss sich mal vorstellen was in diesem Moment in dem Kopf einer Mutter so vorgeht. Sie hatte die größten Ängste! Sie ist völlig aufgelöst. Es ist plöztlich alles so anders als sonst. Plötzlich diese Gefühl der extremen Angst, da wird doch wohl nicht etwas Schreckliches mit Günter passiert sein!?  Dass ist wohl der 7. Sinn einer Mutter...

Bei der Polizei angekommen, wollte sie durch die Absperrung direkt nach Günter hoch in die Wohnung.  Ein Polizist sagte: "Hallo, Sie dürfen da nicht durch, die Spurensicherung ist da."

Mama sagte: "Ich will zu meinem Sohn, der wohnt hier."

Ein Polizist: "Hier können sie nicht rein gehen, dass geht nicht."

Mama:"Ich muss jetzt zu meinem Sohn. Ich muss zu meinem Sohn."

Ein Polizist: "Bitte gehen Sie wieder nach Hause. Sie können hier im Moment nicht rein."

Mama hat sich dann voller Angst und Panik auf den Weg nach Hause gemacht. Als sie am Fenster der Vermieter vorbei ging, stand Juliane P. hinter dem Fenster und lächelte sie an. Meine Mutter war vor lauter Angst völlig panisch.

Und dann dieses Lächeln! Wie kann Jemand in einer solchen Situation lächeln? Wie kann man nur? Juliane P. kann es!

Wie Frank uns einige Stunden später von seinem Erlebnis mit Juliane P. erzählte, haben wir uns einen Reim daraus machen können. Juliane P. hat auch ihn in der Nacht vom Fenstter aus ausgelacht.

Nach diesen Informationen der Polizei ist Frank sofort nach Mama gegangen. Wie muss es dir ergangen sein Frank, als du auf dem Weg zu Mama warst? Du musstes es Mama sagen... Was für Gedanken müssen dir duch den Kopf gegangen sein? Wie solltest du es Mama sagen? Wie sollte das gehen? Angst, Herzrasen.... Du hast bei Mama geklingelt und sie machte die Türe über den Flurdrücker auf. Sie wusste immer noch nicht, welche schrechlichen Nachrichten du ihr überbringen musst.

Mama hat euch alle begrüßt. Sabine, Tina, den Notfallseelsorger und Frank. Sie hat noch nicht einmal gefragt, warum ihr alle so früh gekommen seid. Sie war völlig nervös und anders als sonst. Sie hat noch nicht einmal gefragt, wer der fremde Mann war, der mitgekommen war. Sie hat gefragt, ob ihr einen Kaffee möchtet. Mama hatte schon Kaffee aufgeschüttet.

Frank sagte: "Mama, Günter ist tot. Er ist erschossen worden."

Von dieseem Moment an war es nur noch grausam zu sehen, wie es Mama erging. Sie hat nur noch geschrien. Alles wa ihr im Weg stand hat sie nur so um sich geworfen, ob es Porzellan, Blumen oder andere Gegenstände waren, sie hatte sich nicht mehr unter Kontrolle.

"Nein, nicht mein Junge" Nein, nicht mein Junge. Gott helfe mir, dass kann nicht sein. Hilfe" Hilfe"

Mama hat immer nach ihrer Mutter gerufen: "Mama bitte helfe mir, Mama bitte helfe mir! Nicht Günter! Hilfe!"

Sie schrie immer weiter und weiter. Mama ist plötzlich zusammen gebrochen. Sie weinte nur noch und schrie, dass es doch nicht wahr sein kann. Sie rief die ganze Zeit um Hilfe und sagte, dass sie ihren Jungen wieder haben will.

"Ich will meinen Jungen wieder haben. Ich will zu meinem Jungen."

Es war so furchtbar.

Der Notfallseelsorger hat dann sofort einen Notarzt alamiert. Dieser hat dann erstmal den Kreislauf stabilisiert. Wie hilflos wir waren - und alle warteten, dass ich endlich in Dürboslar ankomme.

 

Die Nachricht

In den frühen Morgenstunden habe ich die schrechliche Nachricht erhalten. Was bei euch schon ausgelöst wurde, ist bei mir jetzt angekommen...

Es war bereits 05:30 Uhr oder sogar 06:30 Uhr, ich kann schon gar nicht mehr genau sagen, welche Uhrzeit wir hatten, als ich bemerkte, dass mein Handy die ganze Zeit vibrierte. Ich bin also ran und habe mich gemeldet. Am anderen Ende eine Stimme: "Hallo Michael, wir sind hier kurz vor deinem Geschäft in Menden. Wo bist du? Wo wohnst du?"

Ich habe dem Anrufer meine Adresse genannt und der Anrufer sagte: "Wir kommen jetzt vorbei, wir sind gleich bei dir."

Ich hatte keine Möglichkeit, weitere Fragen zu stellen. Ich war sofort hellwach und sah auf der Anruferliste, dass ab 02:45 Uhr fast im Minutentakt versucht wurde, mich zu erreichen. Sabine, Frank, Tina, Urban, Basti - alle haben mehrmals angerufen. Dann bekam ich große Angst. Mein Herz schlug wie verrückt.

Ich hab mich dann gewaschen, den Anzug angezogen und noch einige Sachen gepackt und wollte mit dem Auto zum Geschäft fahren, obwohl wir doch erst um 13:00 Uhr öffneten. Am Auto angekommen habe ich erst einmal die Rufnummer gewählt, die mich kurz zuvor angerufen hat um nachzufragen, wer da überhaupt am Appart gewesen ist.

Der Angerufene ging sofort ans Handy. Ich fragte: "Wer ist da eigentlich?"

Er antwortete: "Ich bins, Mark. Wir sind gleich bei dir."

Ich fragte: "Was machst du denn hier?"

Mark antwortete: "Wir sehen uns gleich, wir sind kurz vor deiner Wohnung."

Ich stand bereits an meinem Auto vor meiner Zweitwohnung als ich Mark und Udo um die Ecke kommen sah. Ich habe den Hörer aufgelegt, da mir die Worte fehlten und das gleiche passierte direkt vor mir bei Mark auch. Udo und Mark kamen auf mich zu und ich bemerkte so eine Wand, die direkt auf mich zu kommt. Es ist unbeschreiblich und vollkommen anders als sonst. Es ist so, als würde man bereits spüren, dass ab jetzt alles anders sein wird. Udo sah mich an, Mark ebenfalls. Ich hatte so eine große Angst, wie ich sie noch nie in meinem Leben vorher verspürt habe. Ich kann diese Angst gar nicht beschreiben.

Dann sah ich, dass Udo Tränen in den Augen hatte und ich habe große Angst gehabt, was jetzt wohl kommen mag. Mir war klar, dass es was ganz schlimmes ist. So einen Gesichtsausdruck habe ich zuvor bei Udo noch nie gesehen. Ich hat solche Angst...

Udo sagte zu mir: "Level, es ist etwas schlimmes passiert. Level es ist was mit Ecki passiert."

Und mir liefen schon die Tränen...

Udo: "Ecki ist tot."

Ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich total benebelt. Ich fühlte mich, als würde ich gerade selbst neben mir stehen und zusehen, was da gerade passiert. Udo hat mich in den Arm genommen und ich habe mich bei ihm festgehalten. Meine Tränen liefen nur so. Ich hatte das Gefühl, als würden mir die Beine weggehen und ich kann mich nicht mehr halten. Es war überhaupt nicht vorstellbar, dass Günter nicht mehr da sein sollte. Das geht doch nicht! Es war eine extreme Situation für mich. Mit dieser Nachricht nach sich nachhaltig alles verändert!!!!

 

Günter nie mehr sehen! Günter nie mehr hören! Günter soll nicht mehr da sein! Mein Bruder tot! Es war alles so unrealistisch. Ich bin doch 33 Jahre mit meinem Bruder groß geworden. Wir haben soviel gemeinsam erlebt. Das geht doch nicht! Mein kleinder Bruder ist doch  mein großer Bruder, Freund und auch Berater. Es war so, als hätte mich gerade jemand vor den Kopf geschlagen. Ein Schicksal, dass und ungefragt mit der Kehrseite des Lebens konfrontiert hat. Es rollte bereits eine "Lawine" auf uns zu, von der wir nicht im Ansatz erahnen konnten, was dass alles für uns bedeutet. Ein Schicksal, das uns verändert hat.

Da ich nicht in der Lage war, mit dem Auto zuf ahren war es sehr gut, dass Udo und Mark mich abgeholt haben.

Hier möchte ich noch etwas sagen: Es gibt im großen und ganzen viele, sehr viele Situationen, wo mir die Worte fehlen. Wo ich nicht weiß, wie man sich dafür jeamls bei Allen für das bedanken kann, oder gar das irgendwann einmal zurück geben kann, was für mich getan wurde.

Dass man in einer solchen Situation sagt, wir fahern Michael holen, ganz egal wo er ist, was es kostet und was es bedeutet mit einer solchen Nachricht unterwegs zu sein und diese zu überbringen. Ihr ward ja doch selber betroffen. Welche Gedanken sind euch da nur durch den Kopf gegangen, während der zweistündigen Autofhart? Wie sagen wir es nur? Was sagen wir? Wie sollen wir es nur sagen? Was machen wir wenn? Wie gehen wir vor? Dass man selber ein schlechtes Gefühl hat und sich nicht wohl fühlt, wenn und vor allem wie man solch eine Nachricht übermittelt. Persönlich bin ich sehr froh, dass ihr es gemacht und gesagt habt. Rückblickend hätte es nicht anders sein dürfen! DANKE FÜR EURE ENTSCHEIDUNG!!!

Wie wäre es gewesen, wenn die Polizei bei mir an der Türe geklingelt hätte und es mir mitgeteilt hätte? Meine Frau oder mein Bruder Frank es mir aufgrund der Entfernung per Telefon hätte sagen müssen? Wie wäre ich nach Hause gekommen? Natürlich mit dem Auto aber mit welchen Gedanken? Es gibt noch viele solcher Situationen, wo das in einer anderen Art und Weise zutrifft.

Nachdem mir Udo die schicksalshaften Worte gesagt hatte, habe ich bei Udo Trost gesucht. Es vielen keine Worte mehr, nur noch Tränen. In diesem Moment habe ich nur geweint, mit der Situation bin ich überhaupt nicht klar gekommen. Udo ist mit mir dann Richtung Dürboslar aufgebrochen. Mark ist noch mit meinem Fahrzeug zur Firma gefahren und hat dort den Generalschlüssel in den Briefkasten geworfen. Anschließend ist Mark auch nach Düsboslar zurück gefahren.

 

Die Rückfahrt

Während der Fahrt nach Dürboslar habe ich immer wieder sehr viele Tränen vergossen. Es war für mich alles so unreal und nicht vorstellbar. Ein großer Schmerz in meinem Herzen. Wir haben während der Fahrt viel geredet. Zum einen hat es sehr gut getan und zum anderen war es immer wieder schmerzhaft. Viele Gedanken liefen mir durch den Kopf. Udo war sehr einfühlsam. Ich hab immer wieder gesagt: "Udo, dass kann dohc nicht sein, dass geht doch gar nicht. Ecki kann doch nicht tot sein."

Dass war aber seit dieser Nacht so!!!!

Es ist so ein Gefühl - wie soll ich es nur beschreiben? - Es ist so, als wäre man in der Phase zwischen völligem Zerbrechen und nur noch funktionieren. DIch habe während der Heimfahrt noch meinem Vorgesetzten sowie dem Abteilungsleiter Bescheid gegeben, auch da hatte ich das Gefühl, funktionieren zu müssen, egal wie. Du musst stark sein, egal wie. Dass erwartet doch jeder von dir. Alle waren sehr verständnisvoll. Es war ein tolles Gefühl, solch tröstende Worte zu hören.

Wir waren mittlerweile über eine Stunde auf der Autobahn unterwegs. Es waren bereits fast zwei Stunden vergangen, als Udo mir die schreckliche Nachricht mitteilte. Plötzlich ist mir zum erstem mal der Gedanke gekommen, Udo zu fragen, wie es überhaupt passiert ist. Wie ist Ecki überhaupt gestorben? Vielleicht ist Günster zu Hause die steile Treppe herunter gestürtzt? Vielleicht hat sein Herz einfach aufgehört zu schlagen? Vielleicht hatte er einen Verkehrsunfall?

Ich sehe es heute immer noch vor mit, wie Udo seine Hand bei mir aufs Knie legte und sagte, dass Ecki erschossen wurde.

Ich habe nur laut geschrien! Was? Erschossen? Es hat mir in diesem Moment die Luft gefehlt. Das Ganze hat mir den Rest gegeben. Mein Bruder Ecki ist erschossen worden! Das brutale Wort "erschossen"! Was muss Günter durchgemacht haben?

 

Es war wie in Trance - überall Nebel! Mein Kopf war so leer. Es mar mir nicht mehr möglich, weitere Fragen zu stellen...

 

 

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